Grafik Grafik Grafik
image
Grafik Grafik Grafik Grafik

REPORTAGE

Wird DRM bei eBooks bald Geschichte sein?

Von Simon Blohm
23.05.2012

In der Musik- und Filmindustrie konnte sich der Kopierschutz DRM nicht durchsetzen, da viele Kunden ihn boykottierten. Im Bereich eBooks wird DRM noch vielfach angewendet. Allerdings kündigte der weltweit größte Science-Fiction-Verlag Tor im April 2012 an, seine eBooks künftig nur noch DRM-frei zu verkaufen. Löst der Verlag damit einen Trend aus, der nach und nach zur kompletten Abschaffung von DRM bei eBooks führen wird?

Was ist DRM?

Die Abkürzung bedeutet "Digital Rights Management", zu Deutsch "Digitale Rechteverwaltung". Mit technischen Mitteln sollen die Urheberrechte beim Kauf digitaler Medien wie Musiktiteln, Filmen, Software oder eben eBooks geschützt werden. Grob gesagt sollen Käufer lediglich eingeschränkte Nutzungsrechte, also Lizenzen, an den Daten erwerben können, nicht aber die Daten selbst. Dadurch wird die unbegrenzte Nutzbarkeit der Daten eingeschränkt.

Zu den DRM-Systemen gehören zum Beispiel Fairplay von Apple iTunes, Adobe Protected Streaming oder RealNetworks Helix. Bei einem eBook kann sich ein DRM-Schutz folgendermaßen auswirken:

Das Buch kann nach dem Kauf nur eine begrenzte Anzahl von Malen heruntergeladen und häufig nur mit bestimmten Geräten und Programmen abgespielt werden. Beispielsweise ist die Nutzung nur mit eReadern und Adobe Digital Editions möglich, auf Geräten von Amazon Kindle dagegen nicht. Oder die Daten sind nur von einem bestimmten Betriebssystem lesbar, also zum Beispiel nur auf Windows, nicht aber unter Linux oder Geräten von Apple.

Weiterhin wird das Kopieren des Textes oder einzelner Abschnitte durch "Copy & Paste" sowie das Ausdrucken der Seiten limitiert oder komplett verboten. Geht ein Online-Shop pleite, werden auch die Nutzungsbedingungen des dort gekauften eBooks ungültig. Eine weitere Möglichkeit ist, dass das DRM-System eine Verbindung zum Server des Vertreibers aufbaut. Dadurch kann dieser ein gekauftes Buch vom Gerät eines Kunden löschen und das Nutzungsverhalten des Verbrauchers genau verfolgen.

Allerdings gehören diese Verfahren zu den striktesten DRM-Systemen, die in der Kritik stehen. Es gibt auch abgemilderte Schutzverfahren wie das digitale Wasserzeichen: Hierbei werden die Signatur oder persönliche Daten des Nutzers in den Buchtext als unsichtbares Muster hineincodiert. So kann das Buch ohne Beschränkungen verliehen oder verkauft werden, ist aber immer zum ursprünglichen Käufer zurückverfolgbar. Bei manchen Verfahren werden sogar Kreditkartennummern oder ähnlich sensible Daten unsichtbar in das Schriftbild eingefügt. Das soll den Verbraucher ganz davon abhalten, das Buch im Internet zu verkaufen.

Illegale Downloads von eBooks

Im Internet werden häufig Versionen von eBooks angeboten, bei denen der DRM-Schutz entfernt wurde. Für IT-versierte Nutzer finden sich sogar viele Anleitungen und Programme zum Entfernen des Kopierschutzes im Netz. Diese illegalen Angebote erfreuen sich eines immer höheren Interesses und werden rege genutzt. Zehntausende Titel sind frei im Internet erhältlich auf einer steigenden Anzahl von Online-Archiven. Eine Studie zur DCN, der digitalen Content Nutzung, ergab, dass im Jahr 2010 14 Millionen eBooks kostenlos heruntergeladen wurden. Darunter fallen sowohl illegale Downloads, als auch gesetzlich frei erhältliche Angebote. Legal gekauft wurden dagegen lediglich 2 Millionen Bücher.

Diese Geschichte kommt einem doch bekannt vor. Vor ein paar Jahren erkannte die Musikindustrie, dass sich der DRM-Schutz von Musiktiteln nicht lohnt: Die Verbraucher lehnten es ab, Artikel mit Kopierschutz zu kaufen, der illegale Download-Markt dagegen boomte. Das führte dazu, dass zuerst EMI im Jahr 2007 den Verkauf kopiergeschützter Musik einstellte. Weitere große Plattenfirmen wie Warner, Universal Music und Sony BMG folgten. Independant-Firmen boten ihre Musiktitel von Beginn ohne Kopierschutz an – mit größerem Erfolg als die großen Unternehmen, die den DRM-Schutz nutzten. Letztendlich hat sich eine genaue Anpassung an den Internet-Handel und eine Erweiterung des Angebots als erfolgreicher erwiesen als technische Verbote und Einschränkungen.

Tor Verlag schafft DRM-Schutz ab

Der weltweit wichtigste Science-Fiction-Verlag Tor, zur Holtzbrinck Tochter Macmillan gehörig, verkündete am 24.04.2012 ab Juli nur noch eBooks ohne DRM-Schutz anzubieten. Damit werde den Wünschen der Leser und Autoren nachgegeben. Der Verlag hofft, dass der bisher eher umsatzschwache eBook-Handel durch die Maßnahme angekurbelt wird. Zudem soll eine attraktive Alternative zum Monopolriesen Amazon geschaffen werden, gegen dessen Rabattaktionen die Verlage bisher kaum eine Chance hatten.

Der britische Autor und bekennende DRM-Gegner Charlie Stross erzählte kürzlich, dass der gesamte Macmillan Verlag über den Abschied vom DRM nachdenke (Quelle: Heise.de). Es handelt sich um eines der größten und angesehensten Verlagshäuser der Welt, das Sachbücher, Belletristik, berufsbezogene und wissenschaftliche Fachliteratur sowie Lehrmaterial veröffentlicht.
"Pottermore", die Verkaufsplattform für Joanne K. Rowlings Harry Potter-Bestseller, setzt bereits seit einiger Zeit auf den Schutz von eBooks nur durch digitale Wasserzeichen – mit Erfolg. Auch wenn unmittelbar nach dieser Entscheidung vermehrt entsprechende Daten auf File-Sharer-Seiten auftauchten, die Nutzer erkannten bald, dass hier ihr Wunsch nach Büchern ohne Kopierschutz zu fairen Preisen erhört wurde. Die Zahl der illegal angebotenen Downloads sank rasch wieder (Quelle: Idealog.com).

Auch der deutsche Pabel-Moewig-Verlag bietet seine Perry-Rhodan-Comics ohne Kopierschutz an. Weiterhin gibt es Gerüchte, dass zwei der sechs amerikanischen Hauptverlagshäuser eine Aufgabe des DRM-Schutzes in Betracht ziehen (Quelle: Heise.de).

Ob der Tor Verlag und Pottermore aber tatsächlich einen umfassenden Trend in Gang setzen, bleibt abzuwarten. Sollten diese Experimente aber erfolgreich verlaufen, ist stark anzunehmen, dass weitere Verlage folgen werden.

Vorteile DRM-freier Daten

Zu den Vorteilen eines Verzichts auf DRM gehört es, dass das eBook wie ein gedrucktes Buch problemlos an beliebig viele Freunde und Bekannte ausgeliehen werden kann. Die Bücher können außerdem weiterverkauft und so oft wie gewünscht gelesen werden. Auch die technischen Voraussetzungen zur Nutzung werden deutlich vereinfacht, indem die Daten auf beliebigen Geräten und Betriebssystemen gelesen werden können, egal von welchem Hersteller und wie alt diese sind. Außerdem garantieren Bücher ohne DRM-Schutz dem Verbraucher einen höheren Datenschutz.

Für den eigenen Gebrauch dürfen Textteile kopiert werden. Allerdings gelten auch hier weiter die Einschränkungen des Urheberrechts: Das Buch darf beispielsweise nicht zum gewinnbringenden Verkauf nachgedruckt und der Inhalt nicht zur Grundlage eines Films genommen werden. Wer das eBook ausdrucken möchte um es selbst zu lesen, kann dies problemlos tun. Auch in puncto Kosten ist der Verzicht auf DRM vorteilig: Die Preise DRM-freier eBooks sind deutlich niedriger als die mit technisch aufwändigem Kopierschutz. Ein weiterer Vorzug ist es, dass ehrliche Nutzer nicht von Anfang an als potentielle Straftäter abgestempelt werden.

Der Kunde ist König

Da sich viele Kunden gegen DRM-Systeme aussprechen, ist es eher wahrscheinlich, dass dieses Modell bald im eBook-Handel weniger Anwendung finden wird. Als Paradebeispiel gilt die mittlerweile weitestgehend DRM-freie Musikindustrie. Damit sowohl die Kunden als auch die Anbieter in ihren Interessen gestärkt werden, ist ein ausgiebiger Dialog und Verständnisbereitschaft beider Seiten wichtig. Meist gilt: Faire Angebote werden von Verbrauchern auch fair und gerne genutzt. Ansonsten ist es wichtig, sich als Käufer genau darüber zu informieren, ob und wenn ja welcher DRM-Schutz vorliegt und wo es kopierschutzfreie Alternativen zum legalen Erwerb gibt. Ein breites Angebot mit vielen Wahlmöglichkeiten macht das Abdriften in die Piraterie oft unnötig.

Zurück zur Übersicht

Anzeigen
© 2002 - 2017 PRAD ProAdviser GmbH & Co. KG | Alle Rechte vorbehalten! | Impressum | Datenschutzerklärung
Ausgewiesene Warenzeichen und Markennamen gehören ihren jeweiligen Eigentümern.
PRAD übernimmt keine Haftung für den Inhalt verlinkter externer Internetseiten!
Hinweis: Unsere Internetseite wird mit aktiviertem Adblocker teilweise nicht korrekt angezeigt!