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REPORTAGE

Revolutioniert Windows 8 den Tablet-Markt?

Von Simon Blohm
27.06.2012


Anfang Juni erschien eine neue Vorabversion von Windows 8. Dass Microsoft in Zukunft ein einheitliches Betriebssystem für Desktop- und Tablet-PCs anbieten will, ist vor allem von langjährigen Windows-Nutzern heftig kritisiert worden, auf lange Sicht könnte sich diese Entscheidung jedoch als richtig erweisen: Gelegenheitsnutzer, die ihren PC nur für wenige Aufgaben benötigen, zeigten sich von dem System bisher häufig überfordert ― die Metro-Oberfläche bietet solchen Nutzern nun eine stark vereinfachte Alternative zum Windows-Desktop. Zusätzlich setzt Microsoft darauf, dass die Grenzen zwischen Bürorechner, Laptop und Tablet in Zukunft noch weiter verschmelzen.

Bereits heute werden auf dem US-Markt mehr Tablets als Desktoprechner verkauft, und angesichts der Möglichkeit, ein Tablet mittels einer Dockingstation oder durch den Anschluss einer Tastatur in einen "echten" PC zu verwandeln, ist bereits absehbar, dass der klassische Desktoprechner in wenigen Jahren nur noch dort eingesetzt wird, wo es wirklich sinnvoll ist ― beispielsweise für Büroarbeiten, Audio- und Videobearbeitung oder Grafik-Design ―, während der Gelegenheitsanwender sich eher für ein kleines, tragbares Gerät entscheidet.

Gegenüber Android und iOS bietet das kommende Windows den Vorteil, dass es dem Benutzer die Wahl lässt, wie er seinen Tablet-PC nutzen will: Wer ihn in erster Linie für Alltagsaufgaben wie Fotos und Internet, zum Lesen von E-Books oder zum Betrachten von Videos verwendet, dabei aber hin und wieder einen vollwertigen PC benötigt, kann bei solchen Gelegenheiten zum Windows-Desktop wechseln ― wo ihm der Explorer und weitere gewohnte Microsoft-Programme zur Verfügung stehen. Obwohl es nicht möglich sein wird, herkömmliche Windows-Programme auf einem Tablet-PC zu installieren, könnte sich somit durch ein Tablet der nächsten Generation, auf dem Windows 8 läuft, für manchen Benutzer die Anschaffung eines Desktop-PCs erübrigen.

Die zum Teil recht lautstarke Kritik, die im Internet zu der Metro-Oberfläche geäußert wird, zielt vor allem darauf ab, dass diese offensichtlich für den Einsatz auf Tablets und Smartphones entwickelte Oberfläche für einen Desktop-PC eher ungeeignet ist. Doch was den Einsatz auf tragbaren Geräten betrifft, gibt es an Metro nicht viel auszusetzen. Mit seinen einfachen Formen und knalligen Farben mag das neue Windows etwas altmodisch aussehen, doch die Oberfläche wirkt aufgeräumt und übersichtlich. Multitasking gestaltet sich auf Windows 8 angenehmer als auf einem iOS- oder Android-System: Nicht nur der Wechsel zwischen laufenden Programmen ist einfacher, auch die Möglichkeit, durch Windows Snap zwei Anwendungen gleichzeitig zu nutzen, macht den Umgang mit einem Tablet weniger kompliziert und ermöglicht neue Verwendungszwecke. Gleichzeitig können Programme auf dem Bildschirm mehr Platz einnehmen: Während bei Android und iOS meistens Elemente wie Uhr und Lautstärkeregler mit im Bild sind, läuft die Software bei Windows 8 standardmäßig im Vollbild, wodurch eine weitgehend ablenkungsfreie Benutzung möglich wird.

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Asus Transformer Book

Die "Picture Passwords" sind ein Feature, durch das der Benutzer sein Tablet oder seinen PC auf einfache Weise sichern kann: Um ihn benutzen zu können, müssen zunächst in einer Grafik bestimmte Punkte in einer bestimmten Reihenfolge berührt werden. Auch wenn Sicherheitsexperten anfangs skeptisch waren, hat sich inzwischen gezeigt, dass es sich hier um eine zuverlässige Methode handelt, das Gerät vor fremdem Zugriff zu schützen. Wer die herkömmliche Art des Logins bevorzugt, wird sich jedoch auch weiterhin mit Benutzernamen und Passwort beim System anmelden können. Auch durch Features wie die in der Größe verstellbare Bildschirmtastatur hebt sich Microsofts neues Betriebssystem positiv von der Konkurrenz ab.

Beim Betrachten der Vorabversionen wird allerdings auch deutlich, wie sehr in Redmond zurzeit mit heißer Nadel gestrickt wird: Erst im Mai, kurz vor der Veröffentlichung der neuesten Vorschau, wurde bekannt gegeben, dass man das für Windows 8 ursprünglich geplante Aussehen des Desktops über Bord geworfen hat. Dies hatte sich am Design von Windows 7 orientiert, sollte aber besser mit der Metro-Oberfläche harmonieren. Um den Übergang zwischen Desktop und Metro noch sanfter zu gestalten, wurde nun die mit Windows Vista eingeführte Aero-Oberfläche entsorgt. Diese hatte Windows damals mit Schatten- und Transparenzeffekten ein frischeres Aussehen verschafft, doch mit der neuen Version des Betriebssystems kehrt man zu einer flachen 2D-Oberfläche zurück ― bereits kurz nach der Ankündigung wurden im Internet Witze über die Ähnlichkeit gemacht, die Windows dadurch mit seiner allerersten Version aus dem Jahr 1985 bekommt. Auch die Bedienung mit Maus und Tastatur gestaltet sich noch nicht ganz flüssig, und trotz aller Bemühungen, Desktop und Metro-Bildschirm möglichst einheitlich zu gestalten, kann sich der Wechsel zwischen den beiden Oberflächen stellenweise anfühlen, als hätte man es mit zwei verschiedenen Betriebssystemen zu tun.

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Microsofts Tablet Surface

Nicht umsonst weist Microsoft immer wieder darauf hin, dass Windows 8 noch lange nicht fertig ist, und bis zur Veröffentlichung am Jahresende könnte es noch weitere solch überraschender Änderungen wie die plötzliche Abschaffung der Aero-Oberfläche geben. Dass das neue Windows in Sachen Performance, Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit mit Android und iOS mithalten können wird, ist schon jetzt klar, doch ob es sich am Markt durchsetzen kann, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Wenn das neue Design und der Metro-Startbildschirm der Masse der Desktop-Anwender zu ungewohnt sind, könnte Windows 7 das neue XP werden: ein Betriebssystem, von dem sich ein großer Teil der Benutzer auch dann nicht trennen möchte, wenn es irgendwann technisch veraltet ist. Und was den Tablet-Markt betrifft, hat die Konkurrenz in einem entscheidenden Bereich die Nase vorn: Während für Android und iOS bereits unzählige Apps existieren, sieht es bei den Metro-Anwendungen im Moment noch ziemlich mager aus.

Microsofts Tablet Surface als Videopräsentation

Für Android ergibt sich noch ein weiterer Vorteil: Google bietet das Linux-basierte System kostenlos und unter einer Open-Source-Lizenz an, wodurch Tablet-Hersteller nicht nur die Möglichkeit haben, billige Geräte mit Android auf den Markt zu bringen ― sie können das System auch nach Belieben abändern, um sich damit von der Konkurrenz abzuheben. Beide Möglichkeiten existieren bei Windows 8 nicht. Die Lizenzgebühren, die an Microsoft zu zahlen sind, dürften die Kosten für Window-8-Tablets so weit in die Höhe treiben, dass sich manch ein potenzieller Käufer fragen wird, ob er sich für diesen Preis nicht lieber ein iPad holen möchte.

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Acer ICONIA W510, ICONIA W700

Bei Dell ist zurzeit ein Tablet in Entwicklung, das mit Windows 8 ausgestattet sein wird. Das Gerät soll über 2 GB Arbeitsspeicher verfügen, etwas über 700 Gramm wiegen und eine Auflösung von 1366 × 768 Pixeln darstellen können. Aber auch Acer, Asus und viele weitere Hersteller haben entsprechende Geräte in der Vorbereitung oder bereits der Öffentlichkeit vorgestellt. Zur Überraschung aller kündigte Microsoft selbst erst am 25.06.2012 an, an einem Windows 8 Surface-Tablet zu arbeiten. Dies führte gleich zu kontroversen Diskussionen: Acer konterte schnell und ließ verlauten, man solle sich lieber auf die Qualität des Betriebssystems konzentrieren, als Hardware anzubieten. In jedem Fall bleibt das Thema spannend.

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