Warum ist alles so kompliziert (Wide-Gamut-TFTs)?

  • Hi,


    mal eine Frage: Warum muss ich mich als Endanwender eigentlich bei einem aktuellen TFT um so viele Details kümmern... Eigentlich möchten doch nur - so wie vermutlich 95% der anderen Anwender auch - ganz normal im sRGB-Modus arbeiten.
    Ich habe die letzte Woche Stunden damit verbracht Informationen über die Eigenschaften von Wide-Gamut Displays in Erfahrung zu bringen. Da muss ein Display erst mit einer teuren Hardware kalibriert werden, damit sie genau das tut, was mein 3 Jahre altes TFT sowieso schon kann. Bei dem Viewsonic VP930 stelle ich ich Menü einfach sRGB ein und schon habe ich einen perfekten sRGB-Modus.


    Kann mir jemand den technischen Hintergrund verraten, warum die Wide-Gamut Displays nicht per Knopfdruck ohne Kalibrierung in den sRGB-Modus versetzt werden können? Sind die Toleranzen bei den Displays so groß, dass jedes Gerät völlig unterschiedlich Farben produziert?


    Bei den Testberichten hier auf Prad finde ich die Farbabweichungen (selbst bei kalibrierten Displays) wirklich gruselig.


    Viele Grüße
    Tobias

  • Das Ganze liegt im Sparansinnen der Hersteller begründet und natürlich darin, dass viele Anwender sich gar nicht darum kümmern, was der Bildschirm nun genau darstellt. Betrachtet man es mal objektiv, dann ist eine exakte Bildbearbeitung doch eher ein Feld, was nur von einem Bruchteil der Benutzer bedient wird. Viele freuen sich vielleicht sogar über die "buntere" Darstellung ihrer Bilder und Filme.


    Genau diese Menschen braucht man auch nicht mit extra Menus im OSD "belasten", wenn dort wäre das absolut unwichtig und unangebracht. Für die kleine Anwendergruppe, denen es wichtig ist, baut man dann sicherlich aus kostengründen nicht noch eine extra Funktionalität ein. Schließlich gibt es ja auch Monitore, die genau solche Ansprüche erfüllen, z.B. aus der CG-Serie von Eizo. Dort wird ja auch Farbraumemulation für sRGB unterstützt, sodass auf Knopfdruck auch andere Farbräume relativ korrekt wiedergegeben werden. Diese Monitore sind dann allerdings auch leider entsprechend teurer.


    Für Anwender wie uns ist das natürlich ärgerlich. Nur leider ist anscheinend die Nachfrage nach einer implementierten Lösung durch den Konsumenten noch nicht groß genug.


    Das übrigens selbst kalibrierte und profilierte Wide-Gamut-Monitore nicht sonderlich glänzen, wenn sie einen kleineren Farbraum als ihren nativen darstellen sollen, hat auch eine relativ einfache Erklärung. Der Fehler ist hier weniger im Monitor, als im Zuspieler zu suchen. Über DVI hat jeder Farbkanal leider nur 8 Bit. Wenn allerdings diese 8 Bit genutzt werden müssen, um aRGB anzusteuern, so bleibt für sRGB nunmal nur noch weniger Informationstiefe übrig. Feinere Abstufungen werden hier also eher schlechter getroffen...

  • Quote

    Der Fehler ist hier weniger im Monitor, als im Zuspieler zu suchen. Über DVI hat jeder Farbkanal leider nur 8 Bit. Wenn allerdings diese 8 Bit genutzt werden müssen, um aRGB anzusteuern, so bleibt für sRGB nunmal nur noch weniger Informationstiefe übrig. Feinere Abstufungen werden hier also eher schlechter getroffen...

    Wobei das (also Verluste durch die "Unbenutzbarkeit" von Monitor-RGB-Werten, die außerhalb des Quellfarbraums liegen) insgesamt weniger problematisch ist, als es sich zunächst anhören mag. Freilich wäre ein Workflow >8-Bit bis zum Bildschirm (das hängt dann auch vom betrachteten Bild ab) schon unter diesem Gesichtspunkt besser, aber man kann mit einem kalibrierten und profilierten WCG Bildschirm schon sehr gut in sRGB arbeiten. Wenn der Farbraum des Bildschirms sRGB möglichst komplett einschließt, funktioniert auch das Tonwertmapping in fm fähigen Anwendungen sehr gut.


    Quote

    Schließlich gibt es ja auch Monitore, die genau solche Ansprüche erfüllen, z.B. aus der CG-Serie von Eizo. Dort wird ja auch Farbraumemulation für sRGB unterstützt,

    Das ist bei der CG Serie natürlich eine nette und vor allem komfortable Sache (zumal flexibel in der Wahl des simulierten Farbraums). Ein "Zwischending" mit deutlichen Abstrichen in Sache Komfort wäre die manuelle Anpassung der Primär- und Sekundärfarbpositionen über eine vorhandene 6-Achsen Farbkontrolle am Gerät.


    Gruß


    Denis

  • Wobei das (also Verluste durch die "Unbenutzbarkeit" von Monitor-RGB-Werten, die außerhalb des Quellfarbraums liegen) insgesamt weniger problematisch ist, als es sich zunächst anhören mag. Freilich wäre ein Workflow >8-Bit bis zum Bildschirm (das hängt dann auch vom betrachteten Bild ab) schon unter diesem Gesichtspunkt besser, aber man kann mit einem kalibrierten und profilierten WCG Bildschirm schon sehr gut in sRGB arbeiten. Wenn der Farbraum des Bildschirms sRGB möglichst komplett einschließt, funktioniert auch das Tonwertmapping in fm fähigen Anwendungen sehr gut.

    Sicherlich ist ein Arbeiten in kleineren Farbräumen sehr gut möglich. Aber der Threadstartet wollte ja gerade wissen, warum überhaupt eine "schlechtere", sagen wir lieber ungenauere, Farbdarstellung durch einen Monitor erfolgt, der ja eigentlich sogar MEHR Farben darstellen kann. Das würde er sicherlich auch, aber diese eben durch die Bank ein wenig schlechteren dE-Werte für Monitore mit erweiterten Farbraum bei der Darstellung von sRGB kommen eben genau dadurch zustande: Informationsmangel.


    Damit will ich nicht sagen, dass du nicht recht hast. Vor allem mit bloßem Auge wird man das wohl nur sehr schlecht und höchstens in bestimmten besonderen Situationen deutlicher wahrnehmen können, da wir bei Farbe nunmal weitaus weniger störanfällig sind, als bei Grauwerten. Außerdem weiß wohl auch niemand aus dem Kopf, wie ein sRGB-Blau nun genau auszusehen hat ;). Allerdings, messbar ist der Unterschied.

  • Ich habe mich auch ein bischen schlau gemacht um die physikalischen Hintergründe zu verstehen. Kurz zusammengefasst:
    Die Hintergrundbeleuchtung eines Wide-Gamus Displays enthält andere Frequenzen als die eines RGB-Displays. Da die Kristalle als Filter eingesetzt werden, müssen sie nun so geschaffen sein, dass die richtigen Frequenzen herausgefiltert werden. Bei einem Wide-Gamut Display ist der Frequenzbereich deutlich geringer, der gefiltert werden muss. Letztendlich sind die Kristalle auf die Hintergrundbeleuchtung abgestimmt. Bei der RGB-Darstellung wird nun versucht die Eigenschaften eines RGB-Displays zu emulieren, was allerdings nicht wirklich funktionieren kann, da mathematisch gesehen die Algorithmen recht komplex sind. Aufgrund dieser Eigenschaft wird ein einfaches Mapping (sprich das Monitorprofil) zum Umwandeln herangezogen. Und selbst in diesem Mapping gibt es nur Stützpunkte zwischen denen interpoliert wird.


    ->
    - RGB auf einem Wide-Gamut Display ist immer ein Kompromiss
    - Ein Wide-Gamut Display wird niemals die Qualität eines RGB-Displays im RGB-Modus haben


    Traurig aber wahr.


    Viele Grüße
    Tobias

  • Quote

    - RGB auf einem Wide-Gamut Display ist immer ein Kompromiss
    - Ein Wide-Gamut Display wird niemals die Qualität eines RGB-Displays im RGB-Modus haben

    Das Tonwertmapping (in dem ein RGB Tripel mit einer entsprechenden Matrix multipliziert wird) funktioniert so gut, dass es selbst im echten Profibereich absolut ausreicht. Auch sollte man bedenken, dass ein Gerät ohne erweiterten Farbraum nicht automatisch paßgenau sRGB abdeckt. Das soll übrigens nicht heißen, dass ich den Trend hin zu WCG Displays so unendlich toll finde. Aber wirklich problematisch ist hier eben "nur" der Einsatz in ungemanagten Umbegungen, der nur mit Displays im oberen Preisbereich vernünftig zu realisieren ist.


    Im TV-Bereich werden ja inzwischen fast auch nur noch WCG Displays eingesetzt. Dabei definiert Rec. 709 (HDTV Standard) u.a. einen Farbraum, der deckungsgleich mit sRGB ist. Die Schalter am TV, die den Farbraum entsprechend begrenzen, machen am Ende ja auch nichts anderes, als eine Anpassung der Primaries und Secondaries durchzuführen. Und auch das gelingt sehr sehr gut.


    Die DeltaE Abweichungen meines Eizo bewegen sich, nach der "manuellen Begrenzung" auf sRGB, übrigens (ohne Berücksichtigung eines Tonwertmappings) auf dem Niveau eines guten non WCG Bildschirms (ebenfalls ohne Berücksichtigung eines Monitorprofils), wenn wir von der "Problemstelle" im Blau mal absehen - dort ragt sRGB noch über den Monitorfarbraum hinaus.


    Gruß


    Denis