Lesertest LG 27UK850-W – Nutzung als Broadcast-Monitor
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Klaus W. Rößel widmet sich im Lesertest zum LG 27UK850-W dem Thema HDR, Videoschnitt und wie sich der Monitor als Broadcast-Bildschirm eignet (Werbung)

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HDR

HDR bedeutet in der Fotografie eine Neuverteilung (Tone-Mapping) der Tonwerte aus mehreren Aufnahmen mit verschiedenen Belichtungswerten. Für Schatten und Lichter werden dazu nacheinander jeweils Aufnahmen mit der Priorisierung bestimmter Tonwerte gemacht (Bracketing-Aufnahmen), die nachfolgend in einem von den Monitoren darstellbaren eingeschränkten Tonwertspektrum zusammengefasst werden. Ob das im Ergebnis noch natürlich wirkt, ist Geschmackssache.

Bei Bewegtbildaufnahmen funktioniert das so leider nicht. HDR-Film-/Video-Aufnahmen müssen das schon bei der Aufnahme in einem Schritt leisten. Viele Kameras/Sensoren sind dazu schon seit einiger Zeit in der Lage, die Monitore (siehe OLED) schließen aber inzwischen mit großen Entwicklungssprüngen auf.

Wenn wir auf den Wandel von Standard- zu High-Definition-TV zurückblicken, dann gab es eine Phase, in der sogenannte HD-ready-Bildschirme angeboten wurden. Die erfüllten den HD-Standard nur zum Teil, blieben aber bei Eintreffen eines HD-Signals wenigstens nicht dunkel.

Auf gewisse Weise befinden wir uns heute, im Jahr 2018, in etwa dieser Phase, was die Darstellung eines erweiterten Dynamikumfangs (HDR) neuerer Displays angeht. Der Industriestandard für HDR, die ITU-R BT. 2100, steht seit Juli 2016 fest. Für LCD-Monitore wird darin gefordert, dass eine Leuchtkraft von 1000 cd/m2 sowie ein Schwarzwert von 0,05 cd/m2 zu erfüllen sind, um als HDR-Bildschirm geadelt zu werden.

Waren es bisher nur circa sieben fotografische Blenden, die ein SDR-Monitor darstellen konnte, so sollen es mit HDR bis zu zehn und mehr tatsächliche Blenden an Tonwertumfang sein. Das ist heute nur mit Spitzengeräten zu erreichen. Für den Mainstream wird es noch einiger Zeit bedürfen, bis die Technologie auch in den preiswerteren Produktkategorien ankommt.

Nun ist es das legitime Interesse aller Hersteller, das an Displays zu verkaufen, was sich preiswert und in großen Stückzahlen fertigen lässt. Die verkaufsfördernde Wirkung des HDR-Labels wollen die Hersteller dabei natürlich nutzen.

Die technische Spezifikation des bisherigen SDR-Standards sieht als Benchmark eine Leuchtkraft von 100 cd/m2 vor. Dieses Kriterium erfüllen heute so gut wie alle Bildschirmtypen. Der Mainstream liegt derzeit bei etwa 250 cd/m2. Grund genug für die Hersteller, alles, was über 100 cd/m2 liegt, als HDR zu bezeichnen. Ich würde dem ein „READY“ hinzufügen. Man bekommt zwar ein Bild, aber ein HDR-Erlebnis ist das noch nicht.

Verschiedene Monitorhersteller sind zur CES 2018 über ihre Verbände noch einen Schritt weiter gegangen: Man hat mit HDR400 und HDR600 zwei vom Marketing getriebene Normen geschaffen, die Bildschirme auch dann als HDR-fähig auszuloben, wenn die 1000 cd/m2 (HDR1000) nicht erreicht werden. HDR400 und HDR600 sind offensichtlich das, was sich vorläufig preiswert herstellen lässt. „HD-ready“ lässt grüßen.

Leider führen die immer heller werdenden Bildschirme zu einem fundamentalen Irrtum in der Wahrnehmung der HDR-Eigenschaften bei den Konsumenten. Hellere Bilder empfinden wir in gewissen Grenzen als kontrastreicher und damit schärfer, also angenehmer anzuschauen. Folglich tendiert man dazu, die Bildschirme auch dann heller einzustellen, wenn die Bilder gar keine HDR-Informationen enthalten.

Die helleren Bildschirme sind allerdings gut dazu geeignet, in tagesbelichteten Räumen den durch das Umgebungslicht schwindenden Kontrast ein wenig auszugleichen. Das hat aber immer noch nichts mit HDR zu tun. Bei HDR geht es nämlich nicht um einfach hellere Bilder. Das Ziel von HDR ist es, Bildanteile mit höherer Leuchtkraft in unserer Umwelt, wie etwa Reflexionen auf glänzenden Flächen, und mehr Zeichnung in den Schattenpartien entsprechend unserer tatsächlichen Wahrnehmung wiedergeben zu können. Echte HDR-Bilder wirken teilweise erschreckend realistisch.

Insbesondere in Hinsicht auf die Darstellung von HDR-Inhalten ist die Quantisierung eines Displays daher von entscheidender Bedeutung. Wir haben über inzwischen drei Dekaden zufrieden mit der 8-Bit-Darstellung auf verschiedensten Bildschirmen gelebt und kennen die Artefakte wie Banding und Moiré. Auch wenn die Industrie es uns verschiedentlich zu verkaufen versucht, dass 8 Bit auch für HDR ausreichen, ist das nicht mehr als Wunschdenken bzw. eine Marketing-typische Übertreibung.

Bei HDR entfallen 50 % der Codeworte pro Farbe auf den Bereich von SDR-Bildinhalten und die anderen 50 % auf die Darstellung von Highlights mit mehr als 90 % der Reflektivität des SDR-Referenz-Weißwertes. Da müssen es dann schon mindestens 10 Bit sein, die ein Monitor zur echten Darstellung eines HDR-Bildes verarbeiten sollte. Der LG 27UK850-W kann das und unterstützt den HDR10-Standard (die 10 weist auf die nötigen 10 Bit hin) mit einer auf 1000 cd/m2 abgestimmten PQ-Tonwert-Kurve. Werte über 350 cd/m2 können mit diesem Monitor aber nicht dargestellt werden und werden folglich als maximales Weiß „geclippt“ angezeigt.

Mit einem von LG angegebenen statischen Kontrastverhältnis von 1000:1 ist der Schwarzwert des Monitors im Bereich von 0,35 cd/m2 zudem in den Schatten noch etwa zwei Blendenwerte weit von den für HDR geforderten 0,05 cd/m2 entfernt. Hier darf man von dem Display nicht zu viel erwarten.

Farbräume

Die technischen Daten des 27UK850-W weisen die Abdeckung des sRGB-Farbspektrums zu 99 % aus. Die Primärfarben von sRGB sind deckungsgleich mit denen der ITU-R BT. 709, abgekürzt Rec. 709. Das ist die seit 1992 gültige Standardisierung der High-Definition-Television-Signale. Der Monitor kann folglich alle Farben darstellen, die auf TV-Geräten, auf HD-Blu-ray-Discs und im klassischen Internet darstellbar sind.

Den für die Präsentation in Filmtheatern benutzten P3-Standard oder den für die Darstellung von HDR-Inhalten angestrebten Rec.-2020-Farbraum deckt der Monitor nicht ab, was aber auch in dieser Preisklasse nicht zu erwarten ist.

Auswahl des Picture-Modus „HDR-Effekt“
Auswahl des Picture-Modus „HDR-Effekt“

Tatsächliche HDR-Darstellungen erfordern in allen drei Primärfarben eine höhere Sättigung, als sie durch die sRGB-/Rec.-709-Spezifikation vorgegeben sind. Damit ist der primäre Anwendungsbereich für den LG 27UK850-W definiert: SDR-Bilder für Web, TV und Standard-Blu-ray.

Für reinrassiges HDR reicht es nicht wirklich, und LG bezeichnet die HDR-Fähigkeiten des Monitors auch in seinen Settings ehrlicherweise als „HDR-Effekt“. („HDR-Effekt“ sorgt dafür, dass auch SDR (also konventionelle Videoinhalte) subjektiv farbenfroher und leuchtender dargestellt wird. Es wird quasi HDR nachgeahmt. Das hat aber keinen Einfluss auf tatsächliches HDR-Material! Anm. der Red.)